Sale: 296 / Rare Books, Nov. 21./22. 2005 Lot 1067

 
Ernst Barlach - Slg. von 31 eigh. Briefen


 
1067
Ernst Barlach
Slg. von 31 eigh. Briefen, 1909.
Estimate:
€ 24,000 / $ 27,360
Sold:
€ 33,320 / $ 37.984

(incl. 19% surcharge)
Lot description
Geschlossene und wohl vollständige Brieffolge an den Berliner Bildhauerkollegen und Freund August Gaul (1869-1921), dessen Bekanntschaft Barlach wenige Jahre zuvor im Kreise Paul Cassirers gemacht hatte und mit dem Barlach bis zu Gauls Tod im Oktober 1921 korrespondierte. Der seinerzeit wesentlich bekanntere August Gaul hatte sich vor allem durch seine Tierplastiken und -graphiken einen Namen gemacht. 1902 wurde er Mitglied und später Vorstandsmitglied der Künstlervereinigung Berliner Secession und ab 1904 Mitglied und Professor der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Er setzte sich sich zeitlebens für die Unterstützung und Förderung der mit ihm befreundeten Künstler ein. - Die umfang- und inhaltsreichen Briefe Barlachs enthalten Bemerkungen zu bildhauerischen und schriftstellerischen Arbeiten (geplantes Hindenburgdenkmal, der Kieler „Geisteskämpfer“, der „Heilige Krieg“ u. a. ) und Kollegen u. a. aus der Berliner Secession (Nolde und Liebermann) sowie verschiedenen Familien- und Alltagserlebnissen (Tod der Mutter, Besuch beim Bruder), daneben aber vor allem Schilderungen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Barlach trat 1915/16 in Sonderburg eine Ausbildung zum Landsturmmann an, wurde jedoch auf eigenen Wunsch hin und durch eine Petition von Gaul und anderen Künstlern nach zwei Monaten beurlaubt. Die Eindrücke, die er in dieser Zeit empfing, bewirkten eine Wandlung von Barlachs ursprünglich kriegsbejahender Haltung hin zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Elend des Kriegsalltags. - Auszüge: "... Es hat sich hier begeben, daß ich es wieder einmal mit dem Schlittschuhlaufen probiert habe ... Es sind 25 Jahre her, daß ich zuletzt gelaufen bin, ein Wunder daß ich es noch konnte. An solchen Dingen merkt man, daß man alt wird ... Neulich habe ich mir die Sturmflut bei Warnemünde angesehen ... Man ist im Laufe der Jahre doch sehr anders geworden, die Art wie man die Welt ansieht u. auffaßt, die Romantik ist zum Teufel, die Berauschung an der eigenen Wichtigkeit, die dem jungen Menschen das Dasein so erfreulich macht, ist nicht mehr da. Man denkt auch an den Schaden, den die Mitmenschen durch die "Wut der Elemente" erlitten und findet die mecklenburgischen Arbeiter, die den Damm wieder ausbessern, obgleich kein bißchen heroisch, doch ganz schätzenswert ..." (Güstrow, 15. I. 1914). - "... Dieses ganze Weltkriegsgetriebe ist so nach und nach selbstverständlich geworden, man sieht nicht recht ein, wie man es einmal wieder los werden soll ... Man möchte irgendetwas zu thun kriegen dabei und fühlt sich doch nicht jung genug, sich irgendwo hineinzustürzen ... Drückt man mir noch eine Flinte, wenn auch älteren Modells, in die Hand so soll sie mir herzlich willkommen sein ..." (Güstrow, 15. XII. 1914). - Während der Ausbildung zum Landsturmmann: " ... Heute haben wir nach 3 Wochen Ausbildung zum ersten Mal scharf geschossen und zugleich habe ich eine Vorübung für Flandern mit den Stiefeln voll Wasser gemacht. Der Fraß ist zuweilen bös. Man steht im Morgendunkel an seinem Gewehr stramm und fühlt die Kälte in den Fingern, Ohren u.s.w. nagen ... Also - was will ich mehr, ich gewöhne mich allmählich an die Beschränkung auf das Ziel, ein regelrechter Musketier zu werden. Ob ich es durchhalte ... Die Leute wissen wohl, was man den Menschen zutrauen darf ... So lange ich warten durfte, daß d. r. Kreuz meine Beurlaubung beantragen würde, hatte ich Hoffnung, aber jetzt fühle ich mich mit den tausend Rekruten an ein Schicksal geschmiedet in dem es auch bitterböse Momente giebt ... Wie man sich schämt über das, was man so geredet und gezeichnet! Und wie man zu würdigen lernt, was da draußen an Leiden geleistet wird. Denn darin sind sie Alle einig: Das Dulden u Leiden ist das größte. Das bißchen Sterben wird kaum berücksichtigt ..." (Sonderburg, 29. XII. 1915). – Auf Gauls Bemühungen hin, Barlach vom Militärdienst zu befreien: "... Aber was können Sie bei den Leuten machen? Es ist sehr schwer, wenn man auffällt, der Aufmerksamkeit zu entgehen, ich fürchte, man wird mich als Drückeberger ansehen und nun ganz gehörig zwiebeln. Diese richtigen und ausschließlichen Soldatennaturen können nicht zugeben, daß ein Einzelner wegen einiger mehr oder weniger gelungenen Holzfiguren zu Schade zum Soldaten ist ..." (Sonderburg, 30. I . 1916). – "Lieber Gaul, Ihren Brief bekam ich zugleich mit meiner Entlassung. Montag reise ich ... Ich scheide jetzt ohne Bedauern – und ohne Bedenken. Unser Soldatentum war nur noch ein Spott ..." (Sonderburg, 19. II. 1916). - Zurück in Güstrow: "... hier gehts immer noch wie sonst, man arbeitet ein bißchen und wundert sich, daß bei dem Luderbetrieb immer noch das u das fertig wird ... Ich raffe aber allerlei Entschlüsse zu Arbeiten zusammen, um sie bei verschlechterter Stimmung wieder zusammenfallen zu sehen. Die alte Leier! ..." (Güstrow, 14. II. 1917). - "... Sie werden manchmal denken, was es wohl mit der Dramenschreiberei auf sich hat, was dabei heraus kommen kann. Die Antwort ist einfach: es braucht gar nicht dabei heraus zu kommen, ich brauche das als Ventil, um mich zu entladen von dem Unnützlichen, das ich für dies bessere und wertvollere Handwerk als Bildhauer nicht brauchen kann. Ich kann z. B. nachweisen, daß meine Arbeiten in dem Jahr, wo ich meinen ersten dramatischen Versuch machte, schon viel plastischer wurden ..." (Güstrow, 17. XII. 1917). - Zum Tod der Mutter 1920: " ... Anfang August ertrank - meine Mutter im Schweriner See bei Bad Kleinem, wo sie seit 3 Tagen weilte. Nichts Genaues, ohne Zeugen, die Behörde nahm Unglück an und sie ist hier begraben. Hinterher klappte ich zusammen und führe seitdem ein Leben auf der Landstraße ..." (Güstrow, 14. X 1920). - "... Über diesen Tag [Barlachs Geburtstag am 2. I.] ... ist nun dickes Gras gewachsen und wenn Sie bei der Erwähnung desselben so denken wie aus Ihren Worten hervorgeht, so seh ich es mit herzlicher Freude als Zeichen menschlicher und künstlerischer Kameradschaft an, indem ich die Bekanntschaft und Freundschaft mit Ihnen als einen Hauptwert meines Lebens buche ... Halten wir uns beide an das Kommende und versuchen wir, den Erwartungen der Zukunft die Zähne zu zeigen ..." (Güstrow, 23. I. 1921). – Eine insgesamt kunsthistorisch und biographisch sehr interessante und ergiebige Sammlung; vermutlich handelt es sich um sämtliche erhaltene, von Barlach an Gaul gerichtete Briefe. – Bis auf einen Brief sämtlich abgedruckt in: Fr. Dross (Hrsg.), Ernst Barlach. Die Briefe 1888-1938. 2 Bde. München 1968. - Dabei: Eigh. Entwurf von August Gaul. O. O. und J. [wohl Berlin, Januar 1916]. 2 S. 8vo. - Entwurf der Petition, in der Gaul im Namen von Künstlern wie Liebermann, Slevogt u. a. um die Befreiung Barlachs vom Militärdienst bittet.
1067
Ernst Barlach
Slg. von 31 eigh. Briefen, 1909.
Estimate:
€ 24,000 / $ 27,360
Sold:
€ 33,320 / $ 37.984

(incl. 19% surcharge)