426000320
Christoph Martin Wieland
Eigh. Brief m. U., 1776.
Estimate: € 6,000 / $ 6,960
Information on buyer's premium, taxation and resale right compensation will be available four weeks before the auction.
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Christoph Martin Wieland
Eigh. Brief m. U., 1776.
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"Das Beste steht im Postscript": Wielands ungedruckte Eloge auf den jungen Goethe

Christoph Martin Wieland
Eigenhändiger Brief mit Unterschrift "Wieland". Weimar, 4. April 1776. 18 : 11 cm. 3 S. (auf Doppelblatt).

• Bislang ungedrucktes, herausragendes Dokument zur frühen Weimarer Klassik
• Wielands enthusiastische Würdigung des jungen Goethe: "Seelenbrüder wie David und Jonathan"
• Früheste historische Ankündigung von Goethes dauerhaftem Verbleib am Hof von Weimar
• Erwähnt die Ankunft von Lenz, die bevorstehende Berufung Herders und Herzog Carl August
• Ausführlich zu Vertrieb, Redaktion und Druck des
Teutschen Merkur und der Zeitschrift Iris
• Von musealer Bedeutung und großem wissenschaftlichen Wert


An einen namentlich nicht näher bezeichneten Herrn von Pannwitz (im Brief familiär als "lieber Pannwiz" angeredet), ansässig in der Niederlausitz bzw. Schlesien. Pannwitz gehörte zu dem Kreis gebildeter Förderer und Sammelabonnenten, die Wieland in den Provinzen für seine publizistischen Unternehmungen – insbesondere den Teutschen Merkur und die von Friedrich Heinrich Jacobi redigierte Iris – gewann. Wie aus den einleitenden Zeilen hervorgeht, hatten die beiden Männer einander noch nicht persönlich kennengelernt ("ein Krieg, der Gelegenheit gäbe daß wir uns nahe genug kämen, um uns persönlich kennen zu lernen, würd mir nur um dieses einzigen Vergnügens willen lieb werden" ).
Nach ausführlichen verlegerischen und logistischen Erläuterungen zum Bezug des Merkur über den Weimarer Verleger Hofmann oder die Leipziger Messe sowie Warnungen vor unzuverlässigen Postämtern bricht Wieland im Postskriptum mit geschäftlicher Routine und formuliert eine innige und historisch bedeutsame Eloge der frühen klassischen Epoche:
"Ihren Brief vom 2t März, lieber Pannwiz, erhalte ich diesen Augenblick, d. i. den 4t April abends um vier Uhr (..) Sie und Ihre Abonnenten auf den Merkur müßen mit den Postämtern nichts mehr zu thun haben. Ich erfahre je länger je mehr, wie böslich diese Herrn mit den Abonnenten und dem Merkur verfahren. Wenn Ihre Freunde den Merkur continuiren wollen, (der, unter uns, dermalen sowohl wegen der Kupfer als wegen des kritischen Artikels und andrer Pertinenzstücke merklich an innerm Werthe gestiegen ist, ohne einen Liard mehr zu kosten als vorher) so schlag' ich Ihnen dazu zwey Wege vor; entweder Sie melden mir mit baldigster Gelegenheit die Anzahl der Exemplare, die ich Ihnen durch Hofmann quartaliter franco schicken soll; oder Sie wenden sich an den nächstgelegnen Buchhändler, der die Leipziger Messe besucht (..) Wollen Sie aber Kupfer von den besten Abdrücken haben, so wenden Sie sich gerad zu an mich (..) Auf diese Weise erhalten Sie Ihr Exemplar frey, und Ihre Freunde bekommen die ihrigen franco um 1/2 Louisdor mit ausgesucht guten Abdrücken. Nur sehe ich nicht wohl eine Möglichkeit, Ihnen das jedesmalige paquet weiter postfrey schicken zu können als an den von Ihnen selbst angezeigten Kaufmann Dreißigmarck in Sorau (..)
P. S. Sie wissen doch wohl daß Göthe schon 6 Monate hier ist, und daß er bey uns bleiben wird, sollen Sie izt durch mich erfahren. Er ist des Herzogs und – mein Favorit. Unsre Seelen giengen einander beym ersten Anblik mit ofnen Armen entgegen; und seitdem sind wir Freunde und Seelenbrüder worden wie David und Jonathan. Er ist der größte, edelste, liebenswürdigste junge Mann den ich je gesehn habe – und vielleicht der Einzige Mensch, der mich ganz versteht, so wie ich ihn ganz verstehe – welches natürlicher weise das Band der Liebe unter uns in ewig unauflösliche Knoten geschlungen hat pp. Nun ist auch Lenz hier, und Herder wird bald als General Superintendent u. Hofprediger zu uns kommen und Wohnung bey uns machen. Was sagen Sie nun von Weimar, und von dem jungen Carl August? Eben sehe ich daß mein Brief diesmal wie ein Frauenzimmerbrief aussieht. Das beste steht im Postscript."

Goethe war am 7. November 1775 auf Einladung des damals erst 18-jährigen Herzogs Carl August nach Weimar gelangt. Die literarische Welt blickte mit Spannung auf die Begegnung der beiden Repräsentanten grundverschiedener Epochen: Hatte Goethe doch noch 1774 in der Farce Götter, Helden und Wieland den älteren Dichter polemisch attackiert, worauf Wieland mit souveräner Milde im Merkur reagiert hatte. Der vorliegende Brief dokumentiert eindrucksvoll den vollständigen Umschwung: Aus der anfänglichen Skepsis erwuchs eine tiefe Sympathie, die Wieland im biblischen Gleichnis der Bundesfreundschaft zwischen David und Jonathan faßt.
Zugleich fixiert Wieland das historische Datum der Etablierung des "Weimarer Musenhofes": Er kündigt das dauerhafte Bleiben Goethes an (dessen förmliche Ernennung zum Geheimen Legationsrat erst im Juni 1776 erfolgen sollte), verzeichnet die soeben erfolgte Ankunft des Sturm-und-Drang-Dramatikers Jakob Michael Reinhold Lenz (der um den 1. April 1776 in Weimar eintraf) und blickt der Ankunft Johann Gottfried Herders entgegen, dessen Berufung gegen erhebliche Widerstände der lutherischen Orthodoxie durchgesetzt worden war.
Mit einem selbstironischen Nachsatz bemerkt er, der Brief sehe diesmal "wie ein Frauenzimmerbrief" aus – das Beste stehe im Postskriptum.

- PROVENIENZ: Durchgehender Familienbesitz. Über Marie von Kleist (1761-1831, Vertraute Heinrich von Kleists) und deren Sohn Adolph von Kleist (1793-1866, Kammergerichtspräsident in Berlin) an dessen Schwester Luise ("Lulu") Gräfin von Stosch geb. von Kleist (1802-1855) und deren Nachkommen, darunter Arno Graf von Stosch, ehemals Schloßgut Wäldchen (Schlesien), von wo aus die Familie Anfang 1945 nach Westen floh, im Fluchtgepäck der vorliegende Brief.
Daß dieser Brief Wielands an ein Mitglied des Geschlechts von Pannwitz ausgerechnet im engsten Kleist-Kreis überdauerte, fügt sich genealogisch wie historisch nahtlos zusammen: Die Mutter Heinrich von Kleists war eine geborene Juliane Ulrike von Pannwitz (1746-1793). Über die vertraute Freundin des Dichters, Marie von Kleist, sowie ihren Sohn Adolph – der 1811 als junger Jurist die amtlichen Untersuchungen zum Freitod Kleists am Wannsee begleitete – gelangte das Autograph in den Familiennachlaß und blieb über Generationen hinweg im Erbgang erhalten.

LITERATUR: Nicht in Wielands Briefwechsel (Akademie-Ausgabe, 20 Bde., Berlin 1963-2007).

Autograph letter signed to a Mr. Pannwitz. Unpublished, outstanding document on early Weimar Classicism, Wieland's enthusiastic praise of the young Goethe. The earliest historical indication of Goethe’s permanent residence at the court of Weimar. Mentions the arrival of Lenz, the impending appointment of Herder, and Duke Carl August. Detailed information the distribution of the "Teutscher Merkur" and the journal "Iris". - Provenance: Continuous family ownership. From Marie von Kleist (1761-1831, a close friend of Heinrich von Kleist) and her son Adolph von Kleist (1793-1866, President of the Berlin Higher Regional Court) to his sister Luise (“Lulu”) Countess von Stosch, née von Kleist (1802-1855), and her descendants, including Arno Count von Stosch at the Wäldchen estate (Silesia), from which the family fled westward in early 1945, carrying this letter among their belongings.






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