Sale: 612 / Evening Sale, Dec. 04. 2026 in Munich → Lot 126000768

126000768
Wladimir Georgiewitsch von Bechtejeff
Leda und der Schwan, 1912.
Oil on canvas
Estimate:
€ 180,000 - 240,000
$ 208,800 - 278,400
Information on buyer's premium, taxation and resale right compensation will be available four weeks before the auction.
126000768
Wladimir Georgiewitsch von Bechtejeff
Leda und der Schwan, 1912.
Oil on canvas
Estimate:
€ 180,000 - 240,000
$ 208,800 - 278,400
Information on buyer's premium, taxation and resale right compensation will be available four weeks before the auction.
Wladimir Georgiewitsch von Bechtejeff
1878 - 1971
Leda und der Schwan. 1912.
Öl auf Leinwand.
Links unten monogrammiert. 165 x 136 cm (64,9 x 53,5 in).
Verso mit dem zweifachen Stempel des Malbedarfs Richard Wurm, München, sowie auf dem Keilrahmen handschriftlich bezeichnet mit dem Künstlernamen, dem Titel sowie der Inventarnummer der Galerie Arnold, Dresden. [AT/EH].
• Wladimir Bechtejeff: ein Expressionist der ersten Stunde.
• Vormals in der herausragenden Sammlung Werner Dücker, Düsseldorf.
• Der Verbleib von Bechtejeffs künstlerischem Œuvre ist in weiten Teilen unbekannt.
• Bechtejeff zählt zur europäischen Avantgarde im direkten Umkreis des "Blauen Reiter".
• Die bekannten Gemälde des expressionistischen Frühwerks befinden sich heute zum Großteil in Museumsbesitz.
• 2018 würdigt das Schloßmuseum Murnau den Künstler mit einer vielbeachteten Retrospektive.
PROVENIENZ: Kunstverein Barmen (wohl im Dezember 1912 direkt vom Künstler erworben oder in Kommission genommen, bis März 1913).
Sammlung Werner Dücker, Düsseldorf (im März 1913 vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Deutschland.
Kunsthandel Saarbrücken (vor etwa 25 Jahren vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Sachsen (vom Vorgenannten erworben)
Privatsammlung Hessen (2021, Ketterer Kunst).
AUSSTELLUNG: Ausstellung von 41 Werken der Neuen Künstlervereinigung München, Kunstverein Barmen, Dezember 1912 (o. Kat.).
Die neue Malerei. Expressionistische Ausstellung, Januar 1914, Galerie Ernst Arnold Dresden, Kat.-Nr. 14 (Titel: "Leda", als Leihgabe von Werner Dücker, Düsseldorf, "unverkäuflich". Auf dem Keilrahmen mit der handschriftlichen Inventarnummer der Galerie).
LITERATUR: Rechnungsbuch des Kunstvereins Barmen, "Geschäftsführung ab 1904", Archiv des Von der Heydt-Museums Wuppertal (Kopie), fol. 92 ("Verkäufe an Private").
Antje Birthälmer u. Sabine Fehlemann, Die "Neue Künstlervereinigung München" und ihre Verbindungen zur rheinischen Kunstszene, in: Der Blaue Reiter und das Neue Bild 1909-1912. Von der "Neuen Künstlervereinigung München" zum "Blauen Reiter", Begleitbuch zur Ausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München, 2.7.-3.10.1999, S. 276-285, hier S. 284, Anm. 65.
Ketterer Kunst, München, Auktion 525, Evening Sale, 10.12.2021, Los 203 (m. Farbabb.).
Agnes Thum, Kandinskys Treppe zum Schloss - ein Bild mit Geschichte, in: Schloßmuseum Murnau (Hrsg.), Und morgen nach Murnau!, Murnau 2022, Farbabb. S. 12.
Jelena Hahl-Fontaine, in: Wladimir von Bechtejeff 1878-1971. Wiederentdeckt!, Ausst.-Kat. Murnau 2018, S. 17.
1878 - 1971
Leda und der Schwan. 1912.
Öl auf Leinwand.
Links unten monogrammiert. 165 x 136 cm (64,9 x 53,5 in).
Verso mit dem zweifachen Stempel des Malbedarfs Richard Wurm, München, sowie auf dem Keilrahmen handschriftlich bezeichnet mit dem Künstlernamen, dem Titel sowie der Inventarnummer der Galerie Arnold, Dresden. [AT/EH].
• Wladimir Bechtejeff: ein Expressionist der ersten Stunde.
• Vormals in der herausragenden Sammlung Werner Dücker, Düsseldorf.
• Der Verbleib von Bechtejeffs künstlerischem Œuvre ist in weiten Teilen unbekannt.
• Bechtejeff zählt zur europäischen Avantgarde im direkten Umkreis des "Blauen Reiter".
• Die bekannten Gemälde des expressionistischen Frühwerks befinden sich heute zum Großteil in Museumsbesitz.
• 2018 würdigt das Schloßmuseum Murnau den Künstler mit einer vielbeachteten Retrospektive.
PROVENIENZ: Kunstverein Barmen (wohl im Dezember 1912 direkt vom Künstler erworben oder in Kommission genommen, bis März 1913).
Sammlung Werner Dücker, Düsseldorf (im März 1913 vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Deutschland.
Kunsthandel Saarbrücken (vor etwa 25 Jahren vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Sachsen (vom Vorgenannten erworben)
Privatsammlung Hessen (2021, Ketterer Kunst).
AUSSTELLUNG: Ausstellung von 41 Werken der Neuen Künstlervereinigung München, Kunstverein Barmen, Dezember 1912 (o. Kat.).
Die neue Malerei. Expressionistische Ausstellung, Januar 1914, Galerie Ernst Arnold Dresden, Kat.-Nr. 14 (Titel: "Leda", als Leihgabe von Werner Dücker, Düsseldorf, "unverkäuflich". Auf dem Keilrahmen mit der handschriftlichen Inventarnummer der Galerie).
LITERATUR: Rechnungsbuch des Kunstvereins Barmen, "Geschäftsführung ab 1904", Archiv des Von der Heydt-Museums Wuppertal (Kopie), fol. 92 ("Verkäufe an Private").
Antje Birthälmer u. Sabine Fehlemann, Die "Neue Künstlervereinigung München" und ihre Verbindungen zur rheinischen Kunstszene, in: Der Blaue Reiter und das Neue Bild 1909-1912. Von der "Neuen Künstlervereinigung München" zum "Blauen Reiter", Begleitbuch zur Ausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München, 2.7.-3.10.1999, S. 276-285, hier S. 284, Anm. 65.
Ketterer Kunst, München, Auktion 525, Evening Sale, 10.12.2021, Los 203 (m. Farbabb.).
Agnes Thum, Kandinskys Treppe zum Schloss - ein Bild mit Geschichte, in: Schloßmuseum Murnau (Hrsg.), Und morgen nach Murnau!, Murnau 2022, Farbabb. S. 12.
Jelena Hahl-Fontaine, in: Wladimir von Bechtejeff 1878-1971. Wiederentdeckt!, Ausst.-Kat. Murnau 2018, S. 17.
Nach München auf der Suche nach Neuem
Wladimir von Bechtejeff wächst in begüterten Verhältnissen in Russland auf und in seiner Heimat genießt er eine standesgemäße militärische Ausbildung. In seiner fragmentarischen, unveröffentlichten Biografie, die im Katalog der Ausstellung "Wladimir von Bechtejeff 1878–1971. Wiederentdeckt!" im Schloßmuseum Murnau abgedruckt ist, schreibt er: "während meiner ganzen Militärzeit nutzte ich jede Gelegenheit zum Malen, da ich eine echte Berufung darin sah" (zit. nach: Ausst.-Kat. Murnau 2018, S. 25). In seinem Regiment in St. Petersburg lernt er auch Sergej von Jawlensky, den Bruder von Alexej von Jawlensky, kennen. Dieser empfiehlt ihn nach München: "Mein Kollege beim Militär, der Bruder von Alexej Jawlensky, riet mir dringend, nach München zu gehen, wo junge, talentierte Russen auf der Suche nach Neuem waren, während in der Sankt Petersburger Akademie doch bekanntlich Grabesluft herrschte. Mit einer kleinen Erbschaft von einer Tante und einem Brief an Alexej Jawlensky bin ich also nach München aufgebrochen" (ebd., S. 26). Hier trifft er 1902 ein und bekommt durch Alexej von Jawlensky schnell Kontakt zu den Kreisen der hiesigen Avantgarde. Im Salon der Giselisten bei Werefkin und Jawlensky wird er mit den wegweisenden Köpfen bekannt. Jawlensky ist begeistert von seinen raschen künstlerischen Fortschritten und Franz Marc lobt seine Fähigkeit, den Körper als Linienornament in seine Kompositionen einzufügen (ebd., S. 30). Im Gründungsjahr der "Neuen Künstlervereinigung München" nimmt Bechtejeff mit drei Bildern an der ersten Ausstellung teil. Auch in den weiteren Ausstellungen ist er vertreten.
Mythologie im kubistischen Gewand
Seine Bildthemen sind vor allem in der Mythologie angesiedelt: "Bacchanal", "Amazonen", "Hesperiden", "Die Toilette der Venus", und so auch das hier angebotene, großformatige Gemälde "Leda und der Schwan". Leda ist die Gemahlin des spartanischen Königs Tyndareos. Zeus verliebt sich in sie und nähert sich ihr in Gestalt eines Schwanes. Die Frucht dieses Treffens ist Helena, um die später der Trojanische Krieg entfacht wird. Das Motiv von "Leda und der Schwan" wird über Jahrhunderte von Künstlern aufgegriffen, um unverfänglich Nacktheit und Lust darzustellen. Auf seinen Reisen nach Frankreich, Italien und Spanien hat Bechtejeff in den dortigen Museen sicherlich Meisterwerke mit diesem Thema gesehen, um es sodann in seinem Gemälde grundlegend neu zu gestalten.
Bechtejeffs Stil ist dem Kubismus nahe. Die Figuren sind geprägt von einer starken Betonung der Kontur und lösen sich im Inkarnat in kubische Abschattierungen der Farben auf. So auch bei unserem Gemälde; Leda und der sie bedrängende Schwan sind in verschiedenen Blau-Grau-Tönen farblich ineinander verschmolzen. Sie scheinen unbeeindruckt von den sie umgebenden Wellen und bewegten Formen. Sie sind ruhig, doch ihre Umgebung spiegelt schon das noch in der Zukunft liegende Unheil wider. Jelena Hahl-Fontaine schreibt zu unserem Gemälde: "Die unterschiedliche Malweise zwischen Bechtejeffs 'Rossebändiger' (Lenbachhaus München, Kat. Murnau, S. 93) und der kurz darauf entstandenen 'Leda' ist offensichtlich: statt fließender, ungestümer Bewegung nun eine Stilisierung auf härtere kubistische Art – nicht nur die Berge und Felsen, sondern sogar die Meereswellen erscheinen als kantige und gezackte Formen. Allein Ledas Schönheit bleibt unversehrt, Picasso-artige Deformationen des menschlichen Körpers kämen für den feinsinnigen Ästheten Bechtejeff nicht in Frage. Ledas Gestalt mit dem sie umschmeichelnden Schwan hat er also noch auf seine typische Weise als 'Linienornament' behandelt, dem Jugendstil und der Cloisonné-Technik verpflichtet, nur ein wenig rigider als wir dies von seinen früheren Bildern kennen, zum Beispiel in 'Zwei badende Frauen' von 1910 (Museum Abteiberg, Mönchengladbach, Kat. Murnau, S. 80). Das Gemälde 'Leda' stellt zweifellos einen wichtigen Meilenstein dar zwischen dem 'Rossebändiger', 1912, und der 'Diana auf der Jagd', 1912/13, (Staatsgalerie Stuttgart, Kat. Murnau, S. 91)." (Jelena Hahl-Fontaine, zit. nach: Ketterer Kunst, Kat. Auktion 525, 2021, S. 32)
Zur Historie des Bildes
Bechtejeffs "Leda" ist nicht nur ein künstlerisch faszinierendes Werk, sondern hat auch eine faszinierende Geschichte. Schon bald nach seiner Entstehung 1912 wird das fast mannshohe Bild nach Barmen geschickt. Der dortige Kunstverein ist unter Richart Reiche zu einem vibrierenden Zentrum der Moderne geworden. Im Dezember 1912 beteiligt sich Bechtejeff hier an einer Ausstellung mit 41 Werken der expressionistischen "Neuen Künstlervereinigung München" (N.K.V.M.), der Keimzelle des "Blauen Reiter". Und wie der Zufall es will, stellt gleichzeitig auch der Düsseldorfer Sammler und "Kunstmaler" Werner Dücker (1887–1945, gest. in Kriegsgefangenschaft) seine herausragende Sammlung in Barmen aus. Gezeigt werden 18 Gemälde und eine Skulptur von französischen Künstlern wie Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Paul Gauguin, aber auch von so herausragenden deutschen Malern wie Franz Marc, Alexej von Jawlensky und, nicht zuletzt, Wladimir von Bechtejeff. Auch wenn beide Ausstellungen ohne Katalog blieben, kann man sich doch lebhaft vorstellen, dass Dücker bei seinen Streifzügen durch die Ausstellungsräume in der "N.K.V.M."-Abteilung das große Gemälde "Leda" entdeckt haben wird. Denn vom Kunstverein Barmen kauft er das Bild wenig später, wie in den Geschäftsbüchern vermerkt ist.
Im Januar 1914 präsentiert die Dresdner Galerie Arnold das Werk schließlich auf der von Richart Reiche organisierten, wichtigen Ausstellung "Die neue Malerei", der ersten größeren Expressionisten-Schau in Dresden. Leihgeber ist Werner Dücker, der seine "Leda" im Katalog als unverkäuflich markieren lässt.
Ein faszinierender Sammler
Der Sammler Werner Dücker, ein katholischer Rheinländer, war, soweit die spärlichen Quellen darüber Auskunft geben, eine schillernde Figur: wohlhabend und weltgewandt, fortschrittlich und frei. Eine enge Freundschaft verbindet Dücker und seine Frau, die Bildhauerin Marta Zahn, mit Richard Schultz, der beide mit der lebendigen Homosexuellenszene Berlins in Kontakt bringt (zum Folgenden: Karl-Heinz Steinle, Der literarische Salon bei Richard Schultz, Berlin 2002). Der Freundeskreis trifft sich zu literarischen Salons, frönt der Freikörperkultur mit der FKK-Koryphäe Adolf Koch, besucht die legendäre "Westend-Klause" bei Wirt Walter Franke. Von dieser Modernität, sexuellen Freiheit und Offenheit fühlt sich Werner Dücker offenbar intensiv angezogen. Und auch Bechtejeffs "Leda mit dem Schwan" ist ein Bild mit deutlicher sexueller Aufladung und einer so eleganten wie prägnanten Erotik. Es erstaunt nicht, dass gerade Werner Dücker bereit war, 1913 die beträchtliche Summe von 1.650 Mark für das Werk auszugeben.
Allzu lange aber kann Dücker sich wohl nicht an seiner "Leda" erfreuen. 1923 verliert er in der Inflation sein gesamtes Vermögen. Marta eröffnet daraufhin einen Modesalon, um etwas mehr Geld zu verdienen als mit der Bildhauerei, und die hochbedeutende Kunstsammlung muss verkauft werden. Richard Schultz übernimmt einige Werke von seinem Freund Dücker – doch ein Hinweis auf "Leda" ist im Nachlass von Schultz nicht auszumachen. Erst vor wenigen Jahrzehnten taucht Bechtejeffs Meisterwerk, als solches unerkannt, in einer Privatsammlung wieder auf. [AT]
Wladimir von Bechtejeff wächst in begüterten Verhältnissen in Russland auf und in seiner Heimat genießt er eine standesgemäße militärische Ausbildung. In seiner fragmentarischen, unveröffentlichten Biografie, die im Katalog der Ausstellung "Wladimir von Bechtejeff 1878–1971. Wiederentdeckt!" im Schloßmuseum Murnau abgedruckt ist, schreibt er: "während meiner ganzen Militärzeit nutzte ich jede Gelegenheit zum Malen, da ich eine echte Berufung darin sah" (zit. nach: Ausst.-Kat. Murnau 2018, S. 25). In seinem Regiment in St. Petersburg lernt er auch Sergej von Jawlensky, den Bruder von Alexej von Jawlensky, kennen. Dieser empfiehlt ihn nach München: "Mein Kollege beim Militär, der Bruder von Alexej Jawlensky, riet mir dringend, nach München zu gehen, wo junge, talentierte Russen auf der Suche nach Neuem waren, während in der Sankt Petersburger Akademie doch bekanntlich Grabesluft herrschte. Mit einer kleinen Erbschaft von einer Tante und einem Brief an Alexej Jawlensky bin ich also nach München aufgebrochen" (ebd., S. 26). Hier trifft er 1902 ein und bekommt durch Alexej von Jawlensky schnell Kontakt zu den Kreisen der hiesigen Avantgarde. Im Salon der Giselisten bei Werefkin und Jawlensky wird er mit den wegweisenden Köpfen bekannt. Jawlensky ist begeistert von seinen raschen künstlerischen Fortschritten und Franz Marc lobt seine Fähigkeit, den Körper als Linienornament in seine Kompositionen einzufügen (ebd., S. 30). Im Gründungsjahr der "Neuen Künstlervereinigung München" nimmt Bechtejeff mit drei Bildern an der ersten Ausstellung teil. Auch in den weiteren Ausstellungen ist er vertreten.
Mythologie im kubistischen Gewand
Seine Bildthemen sind vor allem in der Mythologie angesiedelt: "Bacchanal", "Amazonen", "Hesperiden", "Die Toilette der Venus", und so auch das hier angebotene, großformatige Gemälde "Leda und der Schwan". Leda ist die Gemahlin des spartanischen Königs Tyndareos. Zeus verliebt sich in sie und nähert sich ihr in Gestalt eines Schwanes. Die Frucht dieses Treffens ist Helena, um die später der Trojanische Krieg entfacht wird. Das Motiv von "Leda und der Schwan" wird über Jahrhunderte von Künstlern aufgegriffen, um unverfänglich Nacktheit und Lust darzustellen. Auf seinen Reisen nach Frankreich, Italien und Spanien hat Bechtejeff in den dortigen Museen sicherlich Meisterwerke mit diesem Thema gesehen, um es sodann in seinem Gemälde grundlegend neu zu gestalten.
Bechtejeffs Stil ist dem Kubismus nahe. Die Figuren sind geprägt von einer starken Betonung der Kontur und lösen sich im Inkarnat in kubische Abschattierungen der Farben auf. So auch bei unserem Gemälde; Leda und der sie bedrängende Schwan sind in verschiedenen Blau-Grau-Tönen farblich ineinander verschmolzen. Sie scheinen unbeeindruckt von den sie umgebenden Wellen und bewegten Formen. Sie sind ruhig, doch ihre Umgebung spiegelt schon das noch in der Zukunft liegende Unheil wider. Jelena Hahl-Fontaine schreibt zu unserem Gemälde: "Die unterschiedliche Malweise zwischen Bechtejeffs 'Rossebändiger' (Lenbachhaus München, Kat. Murnau, S. 93) und der kurz darauf entstandenen 'Leda' ist offensichtlich: statt fließender, ungestümer Bewegung nun eine Stilisierung auf härtere kubistische Art – nicht nur die Berge und Felsen, sondern sogar die Meereswellen erscheinen als kantige und gezackte Formen. Allein Ledas Schönheit bleibt unversehrt, Picasso-artige Deformationen des menschlichen Körpers kämen für den feinsinnigen Ästheten Bechtejeff nicht in Frage. Ledas Gestalt mit dem sie umschmeichelnden Schwan hat er also noch auf seine typische Weise als 'Linienornament' behandelt, dem Jugendstil und der Cloisonné-Technik verpflichtet, nur ein wenig rigider als wir dies von seinen früheren Bildern kennen, zum Beispiel in 'Zwei badende Frauen' von 1910 (Museum Abteiberg, Mönchengladbach, Kat. Murnau, S. 80). Das Gemälde 'Leda' stellt zweifellos einen wichtigen Meilenstein dar zwischen dem 'Rossebändiger', 1912, und der 'Diana auf der Jagd', 1912/13, (Staatsgalerie Stuttgart, Kat. Murnau, S. 91)." (Jelena Hahl-Fontaine, zit. nach: Ketterer Kunst, Kat. Auktion 525, 2021, S. 32)
Zur Historie des Bildes
Bechtejeffs "Leda" ist nicht nur ein künstlerisch faszinierendes Werk, sondern hat auch eine faszinierende Geschichte. Schon bald nach seiner Entstehung 1912 wird das fast mannshohe Bild nach Barmen geschickt. Der dortige Kunstverein ist unter Richart Reiche zu einem vibrierenden Zentrum der Moderne geworden. Im Dezember 1912 beteiligt sich Bechtejeff hier an einer Ausstellung mit 41 Werken der expressionistischen "Neuen Künstlervereinigung München" (N.K.V.M.), der Keimzelle des "Blauen Reiter". Und wie der Zufall es will, stellt gleichzeitig auch der Düsseldorfer Sammler und "Kunstmaler" Werner Dücker (1887–1945, gest. in Kriegsgefangenschaft) seine herausragende Sammlung in Barmen aus. Gezeigt werden 18 Gemälde und eine Skulptur von französischen Künstlern wie Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Paul Gauguin, aber auch von so herausragenden deutschen Malern wie Franz Marc, Alexej von Jawlensky und, nicht zuletzt, Wladimir von Bechtejeff. Auch wenn beide Ausstellungen ohne Katalog blieben, kann man sich doch lebhaft vorstellen, dass Dücker bei seinen Streifzügen durch die Ausstellungsräume in der "N.K.V.M."-Abteilung das große Gemälde "Leda" entdeckt haben wird. Denn vom Kunstverein Barmen kauft er das Bild wenig später, wie in den Geschäftsbüchern vermerkt ist.
Im Januar 1914 präsentiert die Dresdner Galerie Arnold das Werk schließlich auf der von Richart Reiche organisierten, wichtigen Ausstellung "Die neue Malerei", der ersten größeren Expressionisten-Schau in Dresden. Leihgeber ist Werner Dücker, der seine "Leda" im Katalog als unverkäuflich markieren lässt.
Ein faszinierender Sammler
Der Sammler Werner Dücker, ein katholischer Rheinländer, war, soweit die spärlichen Quellen darüber Auskunft geben, eine schillernde Figur: wohlhabend und weltgewandt, fortschrittlich und frei. Eine enge Freundschaft verbindet Dücker und seine Frau, die Bildhauerin Marta Zahn, mit Richard Schultz, der beide mit der lebendigen Homosexuellenszene Berlins in Kontakt bringt (zum Folgenden: Karl-Heinz Steinle, Der literarische Salon bei Richard Schultz, Berlin 2002). Der Freundeskreis trifft sich zu literarischen Salons, frönt der Freikörperkultur mit der FKK-Koryphäe Adolf Koch, besucht die legendäre "Westend-Klause" bei Wirt Walter Franke. Von dieser Modernität, sexuellen Freiheit und Offenheit fühlt sich Werner Dücker offenbar intensiv angezogen. Und auch Bechtejeffs "Leda mit dem Schwan" ist ein Bild mit deutlicher sexueller Aufladung und einer so eleganten wie prägnanten Erotik. Es erstaunt nicht, dass gerade Werner Dücker bereit war, 1913 die beträchtliche Summe von 1.650 Mark für das Werk auszugeben.
Allzu lange aber kann Dücker sich wohl nicht an seiner "Leda" erfreuen. 1923 verliert er in der Inflation sein gesamtes Vermögen. Marta eröffnet daraufhin einen Modesalon, um etwas mehr Geld zu verdienen als mit der Bildhauerei, und die hochbedeutende Kunstsammlung muss verkauft werden. Richard Schultz übernimmt einige Werke von seinem Freund Dücker – doch ein Hinweis auf "Leda" ist im Nachlass von Schultz nicht auszumachen. Erst vor wenigen Jahrzehnten taucht Bechtejeffs Meisterwerk, als solches unerkannt, in einer Privatsammlung wieder auf. [AT]
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