119000482
Ernst Ludwig Kirchner
Dodo mit japanischem Schirm, 1909.
Lithograph in colors
Estimate:
€ 200,000 - 250,000

 
$ 232,000 - 290,000

Information on buyer's premium, taxation and resale right compensation will be available four weeks before the auction.
119000482
Ernst Ludwig Kirchner
Dodo mit japanischem Schirm, 1909.
Lithograph in colors
Estimate:
€ 200,000 - 250,000

 
$ 232,000 - 290,000

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Ernst Ludwig Kirchner
1880 - 1938

Dodo mit japanischem Schirm. 1909.
Farblithografie. Farbiger Druck vom selben Stein in fünf Arbeitsgängen in Schwarz, Graublau, Rot, Türkis und Gelb.
Signiert und bezeichnet "Handdruck". Eines von nur sechs bekannten Exemplaren dieser Farblithografie und eines von nur zwei bekannten Exemplaren in dieser Farbzusammensetzung. Die einzelnen Grundfarben sind verschieden abgetönt, sodass sich alle Exemplare voneinander unterscheiden. 38,1 x 32,4 cm (15 x 12,7 in). Papier: 41,1 x 34,4 cm (16,1 x 13,5 in).
[CH].

• Druckgrafische Rarität aus der besten Dresdener "Brücke"-Zeit: Eines von nur sechs bekannten Exemplaren dieser Farblithografie.
• Handdruck des Künstlers.
• Doris Große, vom Künstler liebevoll "Dodo" genannt, ist in Dresden die Geliebte und das bevorzugte Modell E. L. Kirchners.
• Bisher wurden nur zwei weitere Exemplaren dieser seltenen Druckgrafik auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten (Quelle: artprice.com).
• Das wirkungsvolle Motiv verwendet Kirchner, leicht variiert, auch in den gleichzeitig entstandenen Gemälden "Mädchen unter Japanschirm" (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen) und "Mädchen unter Sonnenschirm" (Verbleib unbekannt)
.

PROVENIENZ: Privatsammlung USA.
Privatsammlung Süddeutschland (2013 vom Vorgenannten erworben, Hauswedell & Nolte, Hamburg).
Seitdem in Familienbesitz.

LITERATUR: Günther Gercken, Ernst Ludwig Kirchner. Kritisches Werkverzeichnis der Druckgraphik, Bd. 2 (1909-1911), Bern 2013, WVZ-Nr. 387 b (von c, m. Abb., anderes Exemplar).
Annemarie u. Wolf-Dieter Dube, E. L. Kirchner. Das graphische Werk, München 1967, WVZ-Nr. L 135.
Gustav Schiefler, Die Graphik Ernst Ludwig Kirchners, Bd. 1 (bis 1916), Berlin-Charlottenburg 1926, WVZ-Nr. L 83.
- -
Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf (Hrsg.), Ausst.-Kat. Ernst Ludwig Kirchner, Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf 1960 (m. Abb., anderes Exemplar).
Lothar Grisebach, E. L. Kirchners Davoser Tagebuch. Eine Darstellung des Malers und eine Sammlung seiner Schriften, Köln 1968.
Nationalgalerie, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin (Hrsg.), Ausst.-Kat. Ernst Ludwig Kirchner, Nationalgalerie, Berlin; Haus der Kunst, München; Museum Ludwig, Köln; Kunsthaus Zürich, 1979/1980, Berlin 1979 (m. Abb., anderes Exemplar).
Magdalena M. Moeller, Vorwort, in: Ernst Ludwig Kirchner. Meisterwerke der Druckgraphik, Stuttgart 1990, S. 73 (m. Abb., anderes Exemplar).
Gerd Presler, Ernst Ludwig Kirchner. Seine Frauen, seine Modelle, seine Bilder, München 1990.
Lucius Grisebach, Ernst Ludwig Kirchner 1880-1938, Köln 1999, S. 36 (m. Abb., anderes Exemplar).
Christie's, London, Auktion German and Austrian Art, 11.10.2001, Los 27 (m. Abb.).
Hauswedell & Nolte, Hamburg, Auktion Moderne Kunst, 5.6.2013, Los 50 (m. Abb.).
Günther Gercken, in: Ausst.-Kat. Ernst Ludwig Kirchner. Farbige Druckgraphik, Brücke-Museum Berlin; Paula-Modersohn-Becker-Museum, Kunstsammlungen Böttcherstraße, Bremen, München 2008, Kat.-Nr. 119-121 (m. Abb., anderes Exemplar).

"Nirgends lernt man einen Künstler besser kennen als in seiner Graphik."
Ernst Ludwig Kirchner unter dem Pseudonym Louis de Marsalle, Über Kirchners Graphik, zit. nach: Ausst.-Kat. Ernst Ludwig Kirchner. Farbige Druckgraphik, Brücke-Museum Berlin / Paula-Modersohn-Becker-Museum Bremen, München 2008, S. 8.

"Der wichtigste deutsche Grafiker des 20. Jahrhunderts"
"Ernst Ludwig Kirchner gilt mit seiner konsequenten, großartigen künstlerischen Leistung heute als der wichtigste deutsche Grafiker des 20. Jahrhunderts“, schreibt Magdalena M. Moeller, damalige Direktorin des Brücke-Museums Berlin, 2012 in der Publikation zur der viel besprochenen Ausstellung "Ernst Ludwig Kirchner. Farbige Druckgraphik" (Brücke-Museum Berlin; Paula-Modersohn-Becker-Museum Bremen, 2012, S. 9). Zeit seines Lebens ist das druckgrafische Schaffen für E. L. Kirchner von großer Bedeutung. Die Druckgrafik ermöglicht es ihm, mit ganz verschiedenen Materialien zu arbeiten, fördert seine Lust am Experimentieren und fordert ihn durch die unterschiedlichsten handwerklichen und künstlerischen Herausforderungen. Zugleich reizt sie ihn durch die Vielzahl an Möglichkeiten, Wirkungen zu erzielen, die sich in Zeichnung oder Malerei nicht realisieren lassen. "Der Wille, der den Künstler zur graphischen Arbeit treibt, ist vielleicht zu einem Teil das Bestreben, die einmalige lose Form der Zeichnung fest und endgültig auszuprägen. […] Es hat einen großen Reiz, in wochen-, ja monatelanger Arbeit immer und immer wieder überarbeitend, das Letzte an Ausdruck und Formvollendung zu erreichen, ohne dass die Platte an Frische verliert." (E. L. Kirchner unter dem Pseudonym Louis de Marsalle, zit. nach: ebd., S. 9)

Seine Lithografien lässt Kirchner zunächst noch in der Lithographischen Anstalt Römmler & Jonas in Dresden drucken, doch schon bald möchte er auch das Drucken der Blätter selbst in die Hand nehmen. Gemeinsam mit Erich Heckel entwickelt er ein Verfahren, das es ihm erlaubt, Lithografien – statt mit einer lithografischen Presse – im eigenen Atelier vom Stein abzuziehen. Das selbstständige Drucken ist nun ebenso wichtig wie die vorangehende Herstellung des Druckträgers.
Im Laufe der Jahre entsteht ein umfangreiches druckgrafisches Œuvre von etwa 2.000 Holzschnitten, Lithografien und Radierungen, mit dem Kirchner eine große Fülle an Bildthemen behandelt und beeindruckende formale Neuerungen erarbeitet. Nur etwa zehn Prozent dieser Grafiken entstehen in Farbe, darunter auch die großartige Farblithografie "Dodo mit japanischem Schirm".

Dodo: Geliebte, Freundin, Muse und Modell
Die Dargestellte, Doris Armgart Große, von Kirchner "Dodo" genannt, lernt der Künstler bereits als Architekturstudent in Dresden kennen. Kirchners Kommilitone und späterer Mitbegründer der "Brücke" Fritz Bleyl berichtet, Kirchner sei bereits 1903, vor seinem Studien-Aufenthalt in München, mit Dodo liiert gewesen. Die Beziehung besteht, wohl mit kleinen Unterbrechungen, bis zu Kirchners Umzug nach Berlin im Herbst 1911. Wiedersehen werden sie sich nicht mehr, doch in Kirchners Tagebucheinträgen finden sich auch Jahre später noch intime Verweise an Dodo. "Deine freie Liebeslust, mit Dir erlebte ich sie ganz, fast zur Gefahr meine Bestimmung. Doch Du gabst mir die Kraft zur Sprache über Deine Schönheit im reinsten Bilde eines Weibes […]. Ich weiss, dass Du manchmal an mich denkst, Glück und Qual haben wir beide gehabt." (E. L. Kirchner, Davoser Tagebuch, 5.7.1919, S. 29)
Erste Darstellungen von Dodo finden sich in Kirchners Œuvre ab 1906, darunter der Holzschnitt "Dodo, sitzend, in gestreiftem Kleid" (Gercken 119). Kirchner erhebt sie zum weiblichen Schönheitsideal und so entdeckt man Dodo in den Dresdener Schaffensjahren in einer Vielzahl seiner Zeichnungen, Druckgrafiken und Gemälde, darunter "Dodo und ihr Bruder" (1908/1920, Smith College Museum of Art, Northampton/MA), "Dodo mit großem Federhut" (1911, Milwaukee Art Museum) und "Dodo Akt auf blauem Grund" (1911, Pinakothek der Moderne, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München).

Auch Kirchners erste Farblithografie zeigt 1907 Dodo, "Kopf Doris" (Gercken 148). In den darauffolgenden Jahren erlangt Kirchner in der Lithografie und insbesondere der Farblithografie große technische und künstlerische Meisterschaft, die 1909 schließlich in dem von Günther Gercken so bezeichneten "Jahr der Lithografie" mündet, dem Entstehungsjahr der hier angebotenen Arbeit.

"Die großartigsten Farblithografien in Kirchners Gesamtwerk"
Innerhalb von Kirchners umfangreichem, singulären grafischen Œuvre nimmt die farbige Druckgrafik eine ganz besondere Stellung ein. "Die farbige Druckgrafik Ernst Ludwig Kirchners zählt zu den Höhepunkten seines Werkes und darüber hinaus der Kunst des 20. Jahrhunderts. Kein anderer Künstler hat mit solcher künstlerischen und technischen Könnerschaft wie Kirchner in den verschiedenen graphischen Medien farbige Bilder geschaffen", erläutert Günther Gercken, Verfasser des Werkverzeichnisses der Druckgrafik E. L. Kirchners (ebd., S. 11).
Die einzelnen, von Kirchner selbst hergestellten Drucke wie die von seinen eigenen Steinen im Atelier abgezogenen Farblithografien unterscheiden sich zum Teil sehr deutlich voneinander. Mithilfe eines einzigen Lithografie-Steins bringt der Künstler nacheinander die einzelnen Farben aufs Papier. Das Bild wird also erst im Zuge der aufeinander folgenden Arbeitsgänge aus verschiedenen Farben zusammengesetzt und zu einem Ganzen komplettiert. In "Dodo mit japanischem Schirm" lässt sich dieses Vorgehen wunderbar nachvollziehen. Kirchner entwickelt hier eine besonders reizvolle Komposition, indem er die Bildfläche in klar voneinander abgegrenzte Bereiche unterteilt und die Darstellung auf wenige Farben begrenzt. Der zarten Zeichnung und den mutigen Aussparungen in der Frauenfigur setzt er kräftige Farbfelder entgegen.

Kirchner variiert die von ihm verwendeten Farben, mischt sie unterschiedlich an oder ersetzt bei einzelnen Exemplaren eine Farbe mit einer anderen. Im Grunde entsteht somit eine Serie verschiedener Farbvarianten – ein Prinzip, das Andy Warhol viele Jahre später auch in seinen Siebdrucken anwendet.
Auf diese Vielfältigkeit legt Kirchner sehr viel Wert, er möchte Einzelwerke schaffen, die sich neben den Zeichnungen und Gemälden gleichwertig behaupten können. Obwohl seine farbigen Lithografien dieses besonderen Jahres 1909 in einer Auflagenhöhe von vermutlich sieben bis zehn Exemplaren entstehen, kann man aufgrund der deutlich sichtbaren Unterschiede somit von einem Unikatcharakter oder gar von Unikaten sprechen.
Bei "Dodo mit japanischem Schirm" unterscheidet das Werkverzeichnis zwischen drei verschiedenen Farbvarianten. Variante a druckt Kirchner in Schwarz, Hellocker, Rot, Türkis und Gelb. Hiervon ist nur ein Exemplar bekannt, das sich heute in der Neuen Galerie, New York, befindet (ehemals Serge Sabarsky Collection). Variante b druckt der Künstler in Schwarz, Graublau, Rot, Türkis und Gelb; hiervon ist neben dem hier angebotenen nur ein weiteres Exemplar bekannt (Privatsammlung). Die dritte Farbvariante druckt Kirchner in Schwarz, Blau, Rot, Grün und Gelb. Von dieser sind ebenfalls nur drei Exemplare bekannt (u. a. Olbricht Collection, Essen, und Ulmer Museum).

Gemeinsam mit "Russisches Tänzerpaar" (Gercken 378), "Kokottenkopf" (Gercken 388) und "Reiterin und Clown" (Gercken 300) gehört "Dodo mit japanischem Schirm" explizit zu den "großartigsten Farblithografien in Kirchners Gesamtwerk" (Günther Gercken, in: ebd., S. 38f.). "Die lockere Zeichnung, die sich auf wenige Konturen und Akzente beschränkt, steht in Kontrast zu der sicheren Gestaltung der großartigen Komposition. Die schwarze Zeichnung ist in vier weiteren Druckvorgängen mit demselben Stein in vier Farben koloriert. [...] Durch den farbigen Fond bekommt die helle Figur eine große bildnerische Präsenz. Von dem dazugehörigen Gemälde 'Mädchen unter Japanschirm' (1909) unterscheidet sich die Farblithographie durch die transparente Reinheit der Farben, ihre Leichtigkeit und Frische. Sie ist ein Höhepunkt in Kirchners graphischem Werk und hat auch in der europäischen Graphik der Zeit ihresgleichen" (ebd.). [CH]





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