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126000568
Cy Twombly
Gladings (Love´s Infinite Causes), 1973.
Collage
Estimate:
€ 70,000 - 90,000

 
$ 79,800 - 102,600

Information on buyer's premium, taxation and resale right compensation will be available four weeks before the auction.
126000568
Cy Twombly
Gladings (Love´s Infinite Causes), 1973.
Collage
Estimate:
€ 70,000 - 90,000

 
$ 79,800 - 102,600

Information on buyer's premium, taxation and resale right compensation will be available four weeks before the auction.
 

Cy Twombly
1928 - 2011

Gladings (Love´s Infinite Causes). 1973.
Collage. Ölkreide, Bleistift und collagiertes Transparent-Millimeterpapier über Offsetlithografie.
Rechts unten monogrammiert und datiert. Unten mittig bezeichnet "(Forth Decade)". 99,9 x 69,7 cm (39,3 x 27,4 in), blattgroß.
Als Ausgangsbasis für die Werkfolge "Gladings (Love's Infinite Causes)" nutzt Twombly unnummerierte Probedrucke seiner Graphik "Untitled" (1973), vgl. Heiner Bastian, Cy Twombly. A Catalogue Raisonné of The Printed Graphik Work, München/New York 1984, WVZ-Nr. 39 und 40. [JS].

• Poetische Verdichtung und rätselhafte Metaphorik: meisterliche Transformation existenzieller Empfindungen in eine zeichenhaft-verdichtete Symbolik.
• Liebe/Rom/Antike/Dichtung: Geheimnisvolle Überlagerung biografischer, historischer, poetischer und philosophischer Verweise.
• "Gladings (Love's Infinite Causes)": seltene Kombination aus Zeichnung und Collage.
• Seit 1990 wurden erst vier weitere Arbeiten der 12-teiligen Werkfolge auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten
.

PROVENIENZ: Galerie Art in Progress, München (auf der Rahmenrückwand mit dem Etikett).
Stiftung in Süddeutschland (vormals Privatsammlung München, wohl um 1974 vom Vorgenannten erworben).

LITERATUR: Nicola del Roscio, Cy Twombly. Drawings. Catalogue Raisonné, Bd. 6: 1972-1979, New York 2016, S. 62, WVZ-Nr. 53 (m. Abb).
Yvon Lambert, Cy Twombly. Catalogue raisonné des oeuvres sur papier, Bd. VI, 1973-1976, Mailand 1979, S. 38, WVZ-Nr. 15 (m. Abb. S. 36).

"Cy Twombly benefitted from the fact that he lived on both shores of the Atlantic and, in particular, on the Mediterranean. That made him not only an American or European artist but bestowed upon him one of the rarest gifts: the possibility to continuously renew his art in a creative way up until the end of his life."
Nicola del Roscio, zit. nach: Cy Twombly. Drawings. Catalogue Raisonné, Bd. 6, S. 10.

Cy Twombly ist ein Meister der poetisch-abstrakten Bildsprache. Basierend auf den gemeinsamen künstlerischen Anfängen mit seinem Studienkollegen Robert Rauschenberg in den 1950er Jahren in New York, der Hochphase des abstrakten Expressionismus, entwickelt Twombly in den Folgejahren seine rätselhafte, sich aus überlagernden Zeichen und Bildkürzeln verdichtende Bildsprache. 1973, im Entstehungsjahr der vorliegenden Komposition "Gladings (Love's Infinite Causes)", die unter anderem neben bis zur Unkenntlichkeit übermalten Schriftzügen unten mittig die spontan niedergeschriebene, rätselhafte Anmerkung "(Forth Decade)" trägt, lebt Twombly bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in Rom und Italien. In der Via di Monserrato 33 in Rom hat der amerikanische Künstler frisch verheiratet Ende der 1950er Jahre mit seiner adeligen Frau Tatiana Franchetti einen beeindruckenden Palazzo aus dem 17. Jahrhundert bezogen, ein biographischer Kontext, der sich zu Twomblys Werkfolge mit dem Titel "Love's Infinite Causes (Die unendlichen Ursachen der Liebe)" absolut stimmig verhält. In der Via di Monserrato 33 liegen jene beeindruckenden Wohn- und Arbeitsräume, die 1966 durch eine Fotostrecke in der Vogue zu einem der weltweit berühmtesten und faszinierendsten Künstlerateliers avancierten. Das beeindruckend spontan anmutende, doch auch stets inhaltlich reiche und poetisch-verdichtete Werk des vergeistigten Wahlitalieners Twombly ist zu diesem Zeitpunk nicht nur intensiv von der Mentalität und reichen Kulturgeschichte des Landes geprägt, sondern auch von der die Antike rezipierenden Dichtung der Romantik und des Symbolismus. Aufgrund ihrer besonderen sprachlichen Verdichtung und Metaphorik übt diese eine enorme Anziehung auf den amerikanischen Künstler aus. Neben Friedrich Hölderlins Hymnen sind es vor allem auch die symbolistischen Schöpfungen des Franzosen Stéphane Mallarmé und damit die Lyrik des 19. Jahrhunderts, die Twombly in entscheidender Weise zu seiner eigenen, sich Schicht um Schicht überlagernden, metaphorisch-poetischen Bildsprache inspirieren. "Love's Infinite Causes (Die unendlichen Ursachen der Liebe)" bezieht sich zwar nicht direkt auf eines der Gedichte von Friedrich Hölderlin, spiegelt aber das Kernmotiv seiner gesamten Natur- und Liebesphilosophie wider. Für Hölderlin ist die Liebe kein bloßes menschliches Gefühl, sondern eine kosmische, göttliche Urkraft, die Gegensätze vereint und das Universum trotz aller Endlichkeit und Vergänglichkeit im Innersten zusammenhält. In einem anderen Blatt der Werkfolge ist passend dazu etwa der rätselhafte Verweis "H. Lied" zu lesen und damit wohl ein kryptisches Kürzel, das sich auf Hölderlins "Hyperions Schicksalslied" bezieht, in dem es unter anderem heißt: "Doch uns ist gegeben,/ auf keiner Stätte zu ruhn,/ es schwinden, es fallen,/ die leidenden Menschen/ Blindlings von einer/ Stunde zur andern,/ Wie Wasser von Klippe/ Zu Klippe geworfen, / Jahr lang ins Ungewisse hinab."?
Trägt "Gladings (Love’s Infinite Causes)" somit also auch Twomblys Faszination für die Bildlichkeit des unendlichen Rauschens des Meeres in sich? Bereits 1959 von Twombly in der Zeichnungsserie "Poems to the Sea" und anderen in Anacapri entstandenen Werken aufgegriffen, sind es die wässrig-blauen Töne und die völlige Ergebenheit an die Linie, mit der Twombly das ewige Brechen der Wellen in einen rauschhaften künstlerischen Duktus überträgt. So wie die Welle existiert jede Linie in der künstlerischen Empfindung nur im Hier und Jetzt, denn wie Twombly erklärt, "each line is now the actual experience with its own innate history. It does not illustrate – it is the sensation of its own realisation" (C. Twombly, 2000, zit. nach: Claire Daigle, Lingering at The Threshold, in: Tate etc., Band 13, Sommer 2008). Darüber hinaus beinhaltet die von Twombly unten mittig auf das Blatt gesetzte Zeile "(Forth Decade)" auch ein Rückblick auf das gleich des zeichnerischen Duktus Dahinrauschen des eigenen Lebens, denn Twombly - im Entstehungsjahr Mitte vierzig - blickte damals auf vier abgeschlossene Jahrzehnte seines Lebens zurück und war zugleich - ganz entsprechend seines literarischen Inspirationsgeber Hölderlin - in dieser Zeit auf dem absoluten Höhepunkt seiner schöpferischen Ausdruckskraft. [JS]





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