Sale: 525 / Evening Sale, Dec. 10. 2021 in Munich Lot 121000058

 
121000058
Fritz Winter
Triebkräfte der Erde, 1944.
Oil on paper
Estimate:
€ 80,000 - 100,000

 
$ 96,000 - 120,000

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Lot description
Triebkräfte der Erde. 1944.
Öl auf Papier.
Lohberg 766. Links unten signiert und datiert. 58,7 x 47 cm (23,1 x 18,5 in), blattgroß.

• Die Folge "Triebkräfte der Erde" gilt als Schlüsselwerk in Winters Schaffen und gehört zu den gesuchtesten Arbeiten des Künstlers.
• Das Werk steht für alles, was in Winters Werk maßgeblich ist: die Gestaltung von Form und Fläche sowie die Urkraft der Natur.
• Die Komposition dokumentiert das Wachsen der Abstraktion im Verborgenen
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PROVENIENZ: Privatsammlung Hannover.
Galerie Gunzenhauser, München.
Sammlung Deutsche Bank (vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Moderne Kunst aus Privatbesitz in Hannover, Kunstverein Hannover, 1969, Kat.-Nr. 211.
Man lebt im Wirken der Schöpfung. Fritz Winter zum 100. Geburtstag, Kunst-Museum Ahlen, 10.9.2005-29.1.2006.

"Wo ist wahrhaft Schöpferisches, das nicht hervorgebracht wäre aus Tiefen, die nicht messbar, aus Weiten, die nicht sichtbar sind? Erst das Bild jener Tiefen und Weiten offenbart uns die Welt."
Fritz Winter, zit. nach Werner Haftmann, Fritz Winter, 1951, S. 16.

Essay
Die Bilderwelt von Fritz Winter ist immer wieder faszinierend tiefgehend und ergreifend. Ausgebildet zum Elektriker für den Bergbau, bewirbt er sich 1927 am Bauhaus in Dessau und ist bis zu seinem Bauhausdiplom 1930 unter anderem Schüler von Paul Klee. Anschließend arbeitet er bei dem russischen Bildhauer Naum Gabo in Berlin, macht sich auf den Weg und besucht ihm wichtige Kulturzentren in den Niederlanden, Frankreich und Italien, hält Kontakt zu Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner, den er mehrfach besucht. Von Beginn an widmet sich Winter biomorphen Formen, die er in Zeichnungen, Aquarellen und großflächigen Kompositionen vor zumeist dunklem Hintergrund abstrahiert. Es sind Linien, Kreise, Ellipsen und Flächen, die zu wundersamen Gewächsen, zu Mikro- und Makro-Kosmen zusammenwachsen. 1933 beginnen auch für Winter schwierige Jahre mit Einschränkungen, denen er ungebrochen mit großflächigen Kompositionen, ungegenständlichen Kristall- und Lichtbildern, Erd- und Landschaftsbildern begegnet. Organische und anorganische Formen bewegt Winter über Papiere und Leinwände, versieht sie mit Titeln im romantischen Klang wie „Vor der Nacht“, „Verschneiter Tag“, „Aufbruch der Erde“, „Sich bildendes Licht zwischen den Steinen“, „Aus der Atmosphäre“, „Im Unendlichen“ „Metamorphose“ und „Triebkräfte der Erde“!
1939 zum Kriegsdienst zumeist an der Ostfront eingezogen, setzt Winter seine Studien um die Form in der Abstraktion fort, im kleinen Format, in Tagebüchern gebunden, wie einst Franz Marc, dessen einfühlsame "Skizzen aus dem Feld" Winter vertraut sind und er das Werk des 1916 im Ersten Weltkrieg Gefallen intensiv studiert. Eine schwere Verwundung lässt Winter die Zeit der Erholung in seinem Haus in Dießen am Ammersee von Dezember 1943 bis Februar 1944 verbringen: In einem förmlichen Schaffensrausch entsteht die umfangreiche Serie dieser geheimnisvollen, traumartigen Naturwelten, der „Triebkräfte der Erde“.
Der Kunsthistoriker Werner Haftmann sieht die Bilderserie „Triebkräfte“ in einer Linie mit den „Schöpfungsgleichnissen“ eines Franz Marc oder Paul Klee und bekräftigt dies sogleich: „Franz Marc hat in seinem letzten Werk – dem Skizzenbuch aus dem Felde – der Genesis des Kosmos, dem Leben der Schöpfung und den Triebkräften der ständig bildenden Natur nachgesonnen. Dies blieb unvollendet liegen. Hier nun – und unter merkwürdig ähnlichen menschlichen Bedingungen – tritt Fritz Winter ein. Denn der geschichtliche Standort seiner Bilderreihe läßt sich wohl am besten begreifen als das Weiterführen und Zuendebringen dessen, was Franz Marc im letzten Skizzenbuch im Felde begann.“ (Haftmann, Triebkräfte der Erde, München 1957, S. 48).
Und an anderer Stelle zitiert Haftmann bereits 1951 in einem Vortrag in Bern den Künstler aus dessen Tagebuch zu den in Szene gesetzten Farben: „Große Erkenntnisse haben keine leuchtenden Farben, sie sind entweder schwarz oder weiß oder grau. Die leuchtenden Farben gehören den Geschlechtern der Erde. Ich bin froh, rot und gelb zu sein, aber ich sehne mich nach Grau, dem Unendlichen.“ (Haftmann, Skizzenbuch zur Kultur der Gegenwart, München 1960, S. 188).
Bereits vor dem Krieg experimentiert Winter mit geometrisch-kristallinen Formen, die sich stark vom dunklen Bildraum abgrenzen. Auf einem Stoß Schreibmaschinenpapier entstehen diese Kleinodien, die später unter dem Titel "Triebkräfte der Erde" zusammengefasst werden. Die Mittel in allen Bereichen sind während des Krieges knapp, besseres Malmaterial steht Winter nicht zur Verfügung. In einem alle widrigen Umstände überwindenden Schaffensrausch - neben den begrenzten Arbeitsutensilien ist Winter auch durch seine Verwundung körperlich eingeschränkt - arbeitet er täglich teils an mehreren Werken gleichzeitig. Mit einer ölhaltigen Emulsion durchtränkt er die Blätter. Das so behandelte Papier wird pergamentartig und unterstützt die luzide Wirkung der Formen, die Winter in diesen Kompositionen anstrebt. In einem monotypieartigen Verfahren wird in erdigen Farbtönen der Untergrund gestaltet, der an Flechten und Moose erinnert und allen Blättern dieser Serie gemein ist. In einer zweiten Ebene setzt Winter dunkle Formen auf den amorphen Untergrund, die ergänzt werden mit durchscheinenden Segmenten. Das dunkeltonige Kolorit unterstreicht die geheimnisvolle Aura der Komposition, die durchbrochen wird von gleißend weißen kristallinen Gebilden. Eine imaginäre Lichtquelle fördert sie aus dem Dunklen zutage. Winter arbeitet hier mit Schablonen, um die Hell-Dunkel-Elemente scharf voneinander abzugrenzen und einen von Licht und Schatten bestimmten Bildraum zu kreieren. Im Sinne des Geistigen in der Kunst durchdringt er die reine materielle Form der Dinge und macht das Wesentliche, den inneren Kern, sichtbar. Ein eigenes neues Universum zwischen der oberen und unteren Welt offenbart er uns, bringt Licht gleich einer schöpferischen Energie als Symbol für Hoffnung und Neubeginn in düstere Zeiten. Die Urkraft der Natur, aus sich selbst heraus immer wieder neu zu entstehen, ist Winters unerschöpfliche Inspirationsquelle. Ihr Wachsen im Verborgenen und ihr Streben zum Licht wird in der Bildfolge „Triebkräfte der Erde“ von Winter immer wieder neu in mannigfaltigen Variationen gestaltet. Die Serie gilt als Fritz Winters Schlüsselwerk und gehört zu den gesuchtesten Arbeiten des Künstlers auf dem Auktionsmarkt. [MvL/SM]
 


Buyer's premium, taxation and resale right apportionment for Fritz Winter "Triebkräfte der Erde"
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Resale right apportionment:
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