Sale: 514 / Evening Sale, Dec. 11. 2020 in Munich Lot 120002704

 
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120002704
Georg Schrimpf
Mädchen mit Spiegel, 1930.
Oil on canvas
Estimate:
€ 100,000 - 150,000

 
$ 117,000 - 175,500

+
Lot description
Mädchen mit Spiegel. 1930.
Öl auf Leinwand.
Hofmann/Praeger 1930/4. Links unten signiert und datiert. Auf dem Keilrahmen handschriftlich bezeichnet "Schrimpf - Akt". 74,5 x 53 cm (29,3 x 20,8 in).

• Charakteristische Komposition eines der führenden Vertreter der Neuen Sachlichkeit von musealer Qualität.
• Die geheimnisvollen Figurenkompositionen mit melancholischen jungen Frauen, gelten als die gefragtesten Arbeiten aus Schrimpfs keinem malerischen Ouevre.
• Es ist nur ein weiteres Aktgemälde aus Schrimpfs neusachlichem Werk bekannt, das sich heute im Museum Ludwig, Köln, befindet.
• Das Gemälde war nach dem frühen Tod des Künstlers 1939 auf den Gedächtnisausstellungen in München und Berlin vertreten
.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland (direkt vom Künstler erworben).

AUSSTELLUNG: Deutsche Kunst München, Glaspalast, München 30. Mai - Oktober 1930, Kat. Nr. 2191, s/w-Abb. S. 102.
Deutschen Künstlerbund, Essen 23. Mai - 23. August 1931, Kat. Nr. 340, mit s/w. Abb.
Georg Schrimpf, Graphisches Kabinett, Günther Franke, München, 14. November - Dezember 1932, Kat. Nr. 16. (mit dem Galeriestempel auf dem Keilrahmen).
Nyere Tysk Kunst. Maleri og Skulptur. Wanderausst. in versch. skandinavischen Städten, veranstaltet von der National-Galerie Berlin, ab Mai 1932, Kat. Nr. 189;
Neue deutsche Romantik. 126. Ausstellung der Kestner Gesellschaft, Hannover 16. März - 29. April 1933, Kat. Nr. 15, mit Abb.
Georg Schrimpf. Gedächtnis-Ausstellung, Galerie Günther Franke, München, Januar 1939, Kat. Nr. 10.
Georg Schrimpf. Gedächtnisausstellungzum 50. Geburtstag am 13. Februar 1939, Galerie von der Heyde, Berlin, 12. Februar - 6. März 1939, Kat. Nr. 9.
Aspetti della Nuova Ogettivita / Aspekte der Neuen Sachlichkeit, Galleria del Levante, München/Rom, Juni bis 10. September 1968, Kat. Nr. D 115, mit s/w- Abb.
Georg Schrimpf. Ölbilder Aquarelle, Galerie Nikolaus Fischer, Frankfurt am Main 1992, Kat. Nr. 11, mit Abb.

LITERATUR: Matthias Pförtner, Georg Schrimpf, Berlin 1940, S. 32, mit s/w-Abb.
Josef Adamiak, Georg Schrimpf. Ein Beitrag zum Problem der Malerei der Neuen Sachlichkeit. Diplomarbeit, Kunstgesch. Institut der Humboldt-Universität, Berlin (DDR) 1961, Abb. 58.
Wolfgang Storch, Georg Schrimpf und Maria Uhden. Leben und Werk, Berlin 1985, S. 164, mit Abb.
"Was ich mit meinem Bildern will, gilt dem Leben schlecht hin; so wie es trotz aller zufälligen Wirkungen und Erscheinungen abläuft. So bemühe ich mich um Klarheit und Einfachheit als den mir wesentlichen Grundzügen, in dem Glauben, eben dadurch auch dem inneren Wert der Dinge nahe zu kommen."
Georg Schrimpf, 1932, zit. nach: Georg Schrimpf und Maria Uhden. Leben und Werk, Berlin 1985, S. 162.

Essay
Klein und exquisit ist das künstlerische Schaffen das der Kunst der Neuen Sachlichkeit zugeordnet werden kann. Es ist die Kunst der Zwschenkriegszeit, der 1920/30er Jahre, die ihren Namen der Ausstellung "Die Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus" verdankt, die im Sommer 1925 in der Kunsthalle Mannheim zu sehen war. Ausgestellt waren Arbeiten der führenden Vetreter dieser neuen deutschen gegenständlichen Malerei, die durch ihre klare, sachliche Bildsprache überzeugt, welche in deutlichem Gegensatz zu den bereits etablierten Strömungen des Impressionismus und Expressionismus steht. Die Ausstellungsauswahl umfasste neben Werken des Münchers Georg Schrimpf u.a. auch Arbeiten von Alexander Kanoldt, George Grosz, Otto Dix und Karl Hubbuch. Nicht einmal zweihundert Gemälde, Figurenbilder, Landschaften und Stillleben verzeichnet das Werkverzeichnis Georg Schrimpfs und so kann auch das malerische Schaffen des früh verstorbenen Künstlers selbst als kein und exquisit bezeichnet werden. Schön sind seine Stillleben mit Gummibäumen und Kakteen, die kompositionell und stilistisch eine besondere Nähe zum gleichzeitigen Schaffen Alexander Kanoldts zeigen. Klar und weit sind seine menschenleeren Landschafen, die eine romantische Entgrenzung mit einer fast hopperartigen Sachlichkeit verbinden. Seine gefragtesten Arbeiten jedoch sind seine Figurenbilder, die fast ausschließlich junge Frauen in sinnend-melancholischer Haltung ziegen, die den Betrachter durch ihre fast unheimlich wirkende Ruhe schnell in ihren Bann ziehen. Besonders ist deren entindividualisierende Typisierung, ihre mandelförmigen Augen, das streng gescheitelte Haar und ihre stets etwas gedrungene Körperhaftigkeit. Sicherlich ist Schrimpfs Liebe zu der jungen Künstlerin Maria Uhde, seiner ersten Frau, die bereits kurz nach der Eheschließung stirbt, für diesen einzigartigen Frauentypus verantwortlich zu machen. Schrimpfs Freund, der Schriftsteller Oskar Maria Graf, hat sie mit folgenden Worten beschrieben: "Maria Uhden war auf ihn [Schrimpf] durch eine erste Ausstellung seiner fühen Bilder in dem expressionistischen Kunstsalon "Der Sturm" in Berlin aufmerksam geworden. Sie machten einen großen Eindruck auf sie, und offenbar spürte sie etwas innerlich verwandtes in Schrimpf [..] Sie war groß und trotz ihrer zweiundzwanzig Jahre schon ein wenig frauenhaft füllig, hatte ein klares gutes Gesicht und schöne dunkle, sprechende Augen." (O. M. Graf, zit. nach: Georg Schrimpf und Maria Uhden. Leben und Werk, Berlin 1985, S. 200.). Bereits 1918 stribt die junge Künstlerin nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes am Kindbettfieber und Schrimpf beginnt zur Verarbeitung Darstellungen von Maria mit dem Kinde in mittelalterlicher Tradition zu malen, welche die Typisierung seiner Figurenbilder weiter vorantreibt. "Mädchen mit Spiegel" ist eines dieser wunderbaren Gemälde, das all das hat, was für Schrimpfs neusachliche Malerei in besonderer Weise charakteristisch ist: die melancholisch in sich versunkene Frauengestalt, das neusachlich reduzierte Interieur und die warme, gedämpfte Farbigkeit. Darüber hinaus ist "Mädchen mit Spiegel" aber auch eine der ganz seltenen Aktdarstellungen des Künstlers. Abgesehen von seinem expressionistischen Frühwerk ist mit "Mädchen vor dem Spiegel" im Museum Ludwig, Köln, nur ein weiteres Aktgemälde aus Schrimpfs neusachlichem Werk bekannt. Auch das Gemälde im Museum Ludwig zeigt einen weiblichen Akt vor einem Spiegel, wobei der stark angeschnittene Frauenkörper und die fransige Frisur weniger typisch für Schrimpfs Figurenwelt ist. In beinden Kompositionen aber ist der Spiegel sicherlich in kunsthistorischer Tradition ein Hinweis dafür zu verstehen, dass der kluge Mensch sich selbst, seine Taten und Gedanken reflektiert. Bereits acht Jahre nach Entstehung unseres Gemäldes stribt Schrimpf mit erst neunundvierzig Jahren in Berlin. Im Juli 1938 ist in der Zeitschrift "Kunst für Alle" Folgendes in seinem Nachruf zu lesen: "In die Geschichte der neueren Malerei ist Schrimpfs Name als der des Begründers der "Neuen Sachlichkeit" eingegangen, da Schrimpf als einer der ersten gleich nach dem Kriege aus dem expressionistischen Strum und Drang zu neuer Gefaßtheit vordrang. [..] Schrimpfs Bilder behalten eine milde Transparenz, so fern und kalt die gemalten Dinge auch angeschaut sein mögen. er bleibt seelisch tief, weil er das Bild nicht rein sachlich arrangiert, sondern poetisch begreift. Die Figuren stehen zwar ganz ruhig da, starr fast, aber doch mit einer unheimlich wirkenden Ruhe, die aus tiefer Besinnung kommt." (Curt Hohoff, zit. nach: Georg Schrimpf und Maria Uhden. Leben und Werk, Berlin 1985, S. 2).
Schrimpf, der schon 1915 seine Werke in der bedeutenden Galerie "Der Strum" ausgestellt hat und auch in der programmatischen Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit 1925 in der Kunsthalle Mannheim bereits mit mehreren Werken vertreten war, gilt heute als einer der herausragenden Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Und so umfasst etwa die bedeutende neusachliche Sammlung des Lenbachhauses München neben Arbeiten von Christian Schad, Rudolf Schlichter, Alexander Kanoldt und dem Schrimpf Schüler Max Radler gleich sieben Gemälde Georg Schrimpfs. [JS]
 


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